Im Bau der Verschwörungsmythen

Down the Rabbit Hole

Eine Multimediale Ausstellung
in der JVA Wiesbaden
Im Bau der Verschwörungsmythen

Down the Rabbit Hole

Eine Multimediale Ausstellung
in der JVA Wiesbaden

Über das Projekt

„Nimm die rote Pille: Du bleibst hier im Wunderland und ich werde dir zeigen, wie tief das Kaninchenloch reicht.“
Matrix

Herzlich willkommen zum digitalen Ableger der Dauerausstellung „Down the Rabbit Hole - im Bau der Verschwörungsmythen“.
Die in der JVA Wiesbaden verortete Dauerausstellung „Down the Rabbit Hole - im Bau der Verschwörungsmythen“ widmet sich diesem Phänomen über Zugänge der Kunst.
Entwickelt wurde die Ausstellung in den Jahren 2023 und 2024 im Rahmen einer Projektarbeit des Vereins Freie Künste e.V. in Kooperation mit der JVA Wiesbaden.
In der ersten Projektphase 2023 fanden gemeinsam mit jungen Gefangenen Workshops und theoretische Auseinandersetzungen mit der Thematik statt.
In der zweiten Projektphase 2024 wurde eine Dauerausstellung konzipiert und in enger Zusammenarbeit mit den Gefangenen und Ausbildungsbetrieben auf dem Gelände der JVA errichtet. Teilnehmende des Projekts bildeten sich als Guides aus, um schließlich Gruppen von Besuchenden durch den Rundgang zu führen.
Seit 2025 wird die Ausstellung in Workshops und Fortbildungen für Gefangene und Anwärter:innen des Justizvollzugsdienstes eingebunden. 
Auf dieser Seite haben Sie die Möglichkeit, den Rundgang im digitalen Raum zu erleben.

„Wenn ich eine eigene Welt hätte, wäre alles Unsinn. Nichts wäre, was es ist, denn alles wäre, was es nicht ist…“
Alice im Wunderland

Ausstellung

Was ist wahr, was ist falsch und vor allem: wer ist schuld? Verschwörungserzählungen versprechen uns klare Antworten und eine Vereinfachung von komplexen Ereignissen. Sie sind häufig unterhaltsam, oftmals harmlos, aber viel zu oft auch höchst zerstörerisch. Mit ihrer Hilfe werden Bevölkerungsgruppen dämonisiert und für Katastrophen oder Missstände verantwortlich gemacht. Sie dienten den Nazis als Legitimation ihrer Vernichtungswut gegenüber jüdischen Menschen und werden noch heute von autoritären Regierungen eingesetzt. Im Internet finden sie eine große Anhängerschaft und bringen immer wieder massive Eskalationen mit sich: vom Hinterfragen der demokratischen Ordnung bis hin zu Gewaltanwendung und Terror.

Die multimediale Dauerausstellung „Down the Rabbit Hole - im Bau der Verschwörungsmythen“ ist als Rundgang auf dem Gelände der JVA Wiesbaden angelegt. Bilder, Skulpturen, Videos und Texte befassen sich mit der Frage, wie Verschwörungserzählungen entstehen, um welche Themen sie sich kreisen und welche Konsequenzen sie haben.

  • 01

    Hole

    Die Ausstellung beginnt. Die begleitende Person führt unsere Gruppe vom Foyer durch die langen Flure des Verwaltungsgebäudes. Am hinteren Ende eines dieser Flure strahlt uns „Rabbit Hole“ in Leuchtschrift entgegen. Dort angekommen, finden wir uns vor einem roten Vorhang wieder. Auf Anweisung unserer Begleitung treten wir durch den Vorhang hindurch in einen abgedunkelten Raum. Kaltes Kunstlicht leuchtet als einzige Lichtquelle durch eine Wand aus Glasbausteinen. An den Wänden und auf Tischen sind Bilder, Grafiken, Zeitungsausschnitte und Texte zu sehen. Teilweise sind sie angeordnet und mit Fäden verbunden, teilweise wirken sie willkürlich zusammengebracht. Nach einer kurzen Zeit an diesem unwirklichen Ort treten unsere Guides durch den Vorhang. Sie stellen sich vor und führen uns kurz in das Thema der Ausstellung ein.

    Image placeholder Hole
    Image placeholder Hole
    Image placeholder Hole

    Installation aus Zetteln, Fotografien, Skizzen, Notizen, Bindfaden, Klebeband und Sound
    2024

    „Hole“ ist eine Bild-Text-Installation. Fotografien, Zeitungsausschnitte, Schriftfragmente und Kritzeleien sind zu einem raumfüllenden Mosaik angelegt, teilweise verbunden mit Fäden und Signaltape. Die Teilnehmenden des Projekts haben diese Arbeit über Wochen produziert. In Collagen und mitunter wahllosen Zusammenhängen vermittelt sich eine düstere Stimmung. Nichts von dem, was wir sehen, ist wahr, und doch wirkt es äußerst bedrohlich.

    „Hole“ zeigt uns, wie eine Recherche außer Kontrolle geraten ist. Wie man von einem aufs andere kommt, von „Hölzchen auf Stöckchen“, bis man im Dickicht der Informationen den Überblick verliert. Wo zeigen sich Muster, wo sind es Zufälle? Hängt nicht irgendwie alles miteinander zusammen? Oder beginnen wir schon, Verbindungen zu sehen, wo keine sind?

    In der Beschäftigung mit Verschwörungstheorien erfahren wir von Menschen, denen genau das passiert ist – die völlig die Verbindung zur Wirklichkeit verloren haben. Was vielleicht einmal als harmloses Hobby angefangen hat, wird zur immer größeren Obsession. Das Unwirkliche erscheint nun als die wahre Wirklichkeit, und je beängstigender die Geschichten sind, desto größer ist ihre Sogkraft...

    Gleichzeitig gelangen wir selbst bei unserer Recherche immer tiefer in historische Verweise, Verbindungen, Wiederholungen... Je mehr wir auf eine Sache achten, desto öfter wird sie uns begegnen. Also: Wo fängt man an, und wo hört man auf? Hier zumindest, mitten im Kaninchenbau, ist es schwer, einen Überblick zu bekommen.

  • 02

    1 Minute In Cyberspace

    Wir verlassen die erste Position und laufen einen weiteren langen Flur entlang. Nach einer Weile erreichen wir Tageslicht. Die letzte Schleuse wird aufgeschlossen, und wir betreten das Innengelände der JVA. Mehrere große Gebäude reihen sich vor uns auf, umrandet von Wiesenflächen und Mauern. Unsere Guides sind ein paar Meter vorgelaufen und stehen nun inmitten eines Zahlenkreises.

    „Kommen Sie, kommen Sie zu uns in den Kreis. Was hier passiert, passiert jede Minute. Nicht hier drinnen, sondern da draußen!“

    Image placeholder 1 Minute In Cyberspace
    Sprühfarbe auf Asphaltboden
    350x500cm
    2024

    Es werden 241,2 Millionen E-Mails verschickt, auf Google 2,4 Millionen Suchen getätigt, über WhatsApp 41,6 Millionen Nachrichten gesendet, auf X 347.222 Tweets geteilt...

    „1 Minute in Cyberspace“ erzählt sich durch einen ca. 5 Meter breiten Ring aus Zahlen. Er veranschaulicht den starken Einfluss des Internets auf das alltägliche Leben der Menschen.
    Seit den frühen 90er-Jahren im privaten Gebrauch angekommen, verbringen wir heute gut 70 Stunden pro Woche in der digitalen Welt. Und dort liegt sowohl großes Potenzial als auch eine große Herausforderung: Wir sind alle Sender und Empfänger zugleich. Bei einer Zeitung oder einem Fernsehsender trifft eine Redaktion die Auswahl. Im Internet kommen alle zu Wort. Aber wer behält in dieser Informationsflut noch den Überblick? Welcher Inhalt ist relevant? Was ist wahr und was nicht? Und wie abhängig sind wir mittlerweile von der digitalen Welt, von den großen Plattformen der sozialen Medien und ihren Eigenheiten?
    Soviel ist sicher: Wo Likes und Klicks die Währung sind, haben auch Verschwörungstheorien leichtes Spiel.

  • 03

    Toolkit Für Alles

    Wir laufen weiter bis zu einem steinernen Schachbrett seitlich des Weges. Dort stehen vier Podeste, jeweils mit einem Stoff verhangen. Während einer der Guides nach und nach die Stoffe herunterzieht, werden Objekte unter einer Plexiglashaube sichtbar. Sie stehen für die einzelnen Elemente, mit deren Hilfe sich – wie uns der Guide verspricht – eine neue Welt zusammensetzen lässt.

    Image placeholder Toolkit Für Alles
    a) Ein Problem
    25x12cm
    1 Liter Pfandflasche geklebt.
    Neon lackiert
    Image placeholder Toolkit Für Alles
    b) Eine Gruppe

    25x25cm

    Styroporkugeln und Zahnstocher.
    Neon lackiert
    Image placeholder Toolkit Für Alles
    c) Schuld
    7x23 cm
    Thermoplastisches Granulat, Asche, zerschmolzene Plastikbecher, Blattgold.
    Schwarz lackiert
    Image placeholder Toolkit Für Alles
    d) Das Netz
    14x28cm
    Polyesterharz, Kettenhemd. Neon lackiert

    Was machen wir, wenn uns die Welt und all die Informationen, die täglich auf uns einprasseln, zu viel werden? Müssen wir uns wirklich mit all dem befassen, alles aufnehmen und uns davon beeinflussen lassen? Oder gibt es einen Weg, uns ganz einfach unsere eigene Welt zu gestalten?

    Das „Toolkit für alles“ besteht aus vier kleinen Skulpturen, die folgende Titel tragen:
    a) Ein Problem
    b) Eine Gruppe
    c) Schuld
    d) Das Netz

    Die Skulpturen sind Symbole für den Fahrplan ins „Rabbit Hole“. Ein Guide erläutert: Das Problem wird nicht schwer zu finden sein, denn davon gibt es auf der Welt ja genug – sei es soziale Ungleichheit, Krisen und Konflikte oder rein fiktive Geschichten. Der Gruppe können wir die Schuld für das Problem geben und schließlich unsere These im Internet verbreiten. Und schon haben wir uns aus der Überforderung befreit.

    Harmlose Verschwörungen – und darin steckt die Gefahr – verlieren schnell ihren Reiz. Radikale Theorien sind nicht nur interessanter, sondern immer auch verbunden mit einem Problem, das es zu lösen gilt. Oder das so schrecklich ist, dass es sofort gelöst werden muss.
    Vorstellungen, dass wir alle manipuliert werden und mächtige Personen Kinder gefangen halten, um ihr Blut zu trinken, lösen heftige Gefühle aus. Da müssen natürlich schnell die Verantwortlichen gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden.
    Das Schicksal, in den Fokus solcher Verschwörungstheorien zu geraten, teilten sich viele Gruppierungen im Laufe der Geschichte – seien es „Hexen“, jüdische Menschen, Homosexuelle, Künstlerinnen, Geflüchtete, Politiker, Muslime oder andere Glaubensgemeinschaften.

    Ein Guide fasst die Logik noch einmal zusammen: „Diesen Leuten die Schuld zu geben, ist ganz einfach – und im Internet kannst du dann das Lauffeuer entfachen!“

  • 04

    Roller-Dennis

    Ein junger Mann tritt auf uns zu, den wir zuvor noch nicht gesehen haben. Er erzählt uns von einem Jungen aus Wiesbaden Dotzheim, der verschwunden ist. Erst nach langen Tagen des Suchens habe man ihn schließlich finden können – jedoch leider zu spät.

    Image placeholder Roller-Dennis
    Lecture-Performance, 1 Person
    5:30 min.
    2023

    Es ist dem armen Jungen das gleiche Schicksal zugestoßen wie viel zu vielen anderen Kindern auch. Es ist eine Tragödie, eine wirkliche Schande!
    „Ich muss Ihnen nicht sagen, wer dafür verantwortlich ist, nicht wahr? Ich denke, wir wissen es alle. Wenn man seinen gesunden Menschenverstand einsetzt, dann weiß man es...“

    Den Jungen, Roller-Dennis, hat es nie gegeben – es handelt sich um eine fiktive Geschichte. Sie ist inspiriert durch den Mord an einem jungen Lehrling im Jahr 1144 in England. Dieser Mord hat eine der ältesten Verschwörungstheorien der Geschichte ausgelöst: die sogenannte Ritualmordlegende.
    Auch damals wurde behauptet, man kenne die Mörder, und verdächtigte jüdische Menschen, die angeblich in bösen Ritualen Kinder töteten. Beweise gab es dafür zu keinem Zeitpunkt – die Geschichte hat dennoch überlebt. Im Verschwörungsmythos QAnon begegnen wir ihr heute wieder.

  • 05

    Teeparty

    Der Erzähler führt uns zu einem Weg, der durch eine Wiesenfläche hindurchführt. Dort gibt er jedem von uns einen Glückskeks. In dessen Mitte befindet sich ein Hinweis auf ein Symbol, das wir suchen sollen.
    Die Symbole sind auf 13 Texttafeln verteilt, die am Wegesrand und an Gebäudefassaden angebracht sind. Am Ende jedes Textes finden wir Hinweise oder Fragen, die uns zum nächsten Symbol leiten. Im Hintergrund läuft eine Soundcollage aus „An der schönen blauen Donau“.

    Image placeholder Teeparty
    10 Glückskekse
    13 Texttafeln, Neon Acrylglas auf Alu-Dibond Soundcollage aus „An der schönen blauen Donau“
    2024

    Die Arbeit „Teeparty“ beschäftigt sich mit verschiedenen Verschwörungstheorien. Es geht um verschwundene Kinder, Geheimbünde und Pandemien – um Ängste, Missverständnisse und Vorurteile. „Teeparty“ dokumentiert, dass viele Verschwörungstheorien bereits seit Jahrhunderten existieren. Sie werden immer wieder aufgegriffen und aufgewärmt, angepasst an die jeweilige Zeit.

    Verschwörungstheorien sind nicht zwangsläufig eine Minderheitenmeinung. In der Vergangenheit wurden sie immer wieder von einem Großteil der Bevölkerung geglaubt und teilweise gezielt von Regierungen eingesetzt – etwa um politische Gegner abzuwerten oder Ideologien durchzusetzen.

    Noch heute sind sie verbreiteter, als viele Menschen annehmen. Es sind nicht nur ein paar „Schwurbler“, die ihnen anhängen. Die Idee beispielsweise, dass Politiker*innen nur Marionetten geheimer Mächte seien, wird von vielen Menschen geteilt. Um dieses Phänomen zu verstehen, hilft es, die dahinterliegenden Motive nachzuvollziehen.

    Wenn große negative Ereignisse geschehen – ein Terroranschlag, eine Pandemie –, kann man sicher sein, dass sich im Anschluss Mythen über Verschwörungen bilden. Gleiches geschieht oft bei privaten Krisen oder Schicksalsschlägen. Diese Mythen erfüllen einen Zweck: Sie geben Menschen in der Überforderung ein Gefühl der Kontrolle zurück. Selbst wenn es sich um beängstigende Geschichten handelt, beruhigen sie manche Leute – einfach weil sie eine scheinbare Ordnung in eine chaotische Welt bringen.

    Ein anderes Motiv ist, dass uns Verschwörungstheorien das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein. Sie versprechen uns Zugang zu geheimem Wissen und erklären angeblich verborgene Zusammenhänge. Durch sie können wir zu den wenigen gehören, die „die Wahrheit“ erkennen – und damit schlauer sein als der Rest.

    Unter Verschwörungsgläubigen wird oft die Metapher aus dem Film Matrix aufgegriffen, in der Neo von Morpheus die berühmten zwei Pillen angeboten bekommt. Verschwörungsgläubige sehen sich als diejenigen, die die rote Pille der Wahrheit genommen haben. Weil sie „erwacht“ sind, können sie die Matrix erkennen – oft als Wunderland oder Kaninchenbau beschrieben.
    Vielleicht brauchen wir jedoch eine ganz andere Lösung. Eine Pille, die uns zeigt, was das Wunderland in Wirklichkeit ist: ein Kaninchenbau, der aus Sackgassen besteht.

  • 06

    Oh Yeezus!

    Laute Hip-Hop-Musik schallt über den Platz und zieht unsere Aufmerksamkeit zu den beiden Guides, die sich am Rand positioniert haben. Sie weisen auf die Position „Oh Yeezus“: Drei Zahlen, die in großen Lettern auf eine Mauer gesprayt sind.

    6.000.000 17.000.000 32.000.000

    Image placeholder Oh Yeezus!
    Sprühfarbe auf Mauer
    400x300cm

    6.000.000 ist als Schreckenszahl wohl den meisten vertraut: Zwischen 5,6 und 6,3 Millionen Jüdinnen und Juden wurden unter der nationalsozialistischen Herrschaft ermordet. Sie sind der brutalen und verheerenden Verschwörungstheorie der Nazis zum Opfer gefallen.

    Rund 17 Millionen Jüdinnen und Juden gibt es weltweit, etwa 7 Millionen leben in Israel, 125.000 in Deutschland.

    32 Millionen Follower hat der amerikanische Musiker Ye (früher unter anderem bekannt als Kanye West, Pablo und Yeezus) allein auf X (Twitter). Der Musiker ist in der Vergangenheit immer wieder durch antisemitische und verschwörungstheoretische Äußerungen aufgefallen. Auf X hat er dabei nicht allzu viel zu befürchten. Elon Musk, der Eigentümer der Plattform, zeigt selbst immer wieder öffentlich seine Sympathie für Verschwörungstheorien. Und auch in der Musikbranche ist Ye mit seinen Haltungen nicht allein. Leider werden gerade in der Pop- und Hip-Hop-Kultur oft antisemitische Verschwörungstheorien in Texte und Gesten eingewoben.

  • 07

    Eine Tragische Anekdote

    Als wir weitergehen, stellt sich erneut der Erzähler vor uns auf und möchte uns noch etwas vortragen. Als Erstes jedoch fragt er uns, ob wir alle unsere Handys an der Außenpforte abgegeben haben. Schnell wird klar, dass sich darum auch sein großes Problem dreht...

    Image placeholder Eine Tragische Anekdote
    Lecture-Perfomance, 1 Person
    6:20 min.
    2023

    „Was die Ursache von allem war, hab' ich ganz zufällig rausgefunden. Ich hatte nämlich in der Zwischenzeit meinen Job verloren und war viel zu Hause am Computer. Hab immer das Internet durchsucht, um rauszufinden, was los ist. Und da bin ich dann drauf gestoßen... Das ist kein Zufall! Da geht's um Handystrahlung, WLAN, Elektrosmog! Das ist ja mit 5G alles noch schlimmer geworden... Das ist es, was die Menschen krank macht! Weswegen die Kinder alle ADHS haben und die Erwachsenen Depressionen...“

    „Eine tragische Anekdote“ ist eine 5 Minuten lange Performance und thematisiert eine Angst, die verbreitet ist. Trotz Entwarnung in wissenschaftlichen Studien hält sich die Furcht vor schädlicher Strahlung. Während der Corona-Pandemie kam sogar die Idee auf, 5G würde das Virus verbreiten. In der Folge gab es Attacken gegen Bauarbeiter und Ingenieur*innen sowie Brandanschläge auf Funkmasten. Und für manche, wie für den Erzähler, war diese Verschwörungstheorie nur der Einstieg in noch extremeres Gedankengut...

  • 08

    Lost Culture

    Nach einer kurzen Strecke bleiben wir vor einer Mauer stehen, an die große Platten aus Plexiglas angebracht sind. Auf die Platten sind Listen von Namen geschrieben worden. Wir entdecken bekannte Personen wie Albert Einstein, Thomas Mann und Hannah Arendt.

    Jemand aus der Gruppe soll einen Zettel ziehen, auf dem der Name einer weiteren Person steht, die das gleiche Schicksal erlitten hat. Der Name wird von einem Besuchenden mit dickem weißen Filzstift auf die Platte geschrieben.

    Image placeholder Lost Culture
    4 Tafeln aus Acrylglas
    Mit Edding handbeschrieben
    120x240cm (pro Tafel)
    2024

    „Lost Culture“ zeigt Namen von Menschen aus Kultur, Kunst und Wissenschaft, die vor den Nationalsozialisten geflohen oder von ihnen umgebracht worden sind. Die Verschwörungstheorien und Machenschaften von Hitler und seinen Leuten haben nicht nur 60 Millionen Tote gefordert und ganze Landstriche in Schutt und Asche gelegt. Deutschland hat mit den Menschen, deren Namen wir hier lesen, auch einen geistigen Reichtum verloren. Wir werden nie wissen, wie sich unsere Kultur entwickelt hätte, wäre sie weiterhin von ihnen geprägt worden.

    Wer flüchten konnte, versuchte sich ins europäische Ausland zu retten oder reiste bis in die USA. Doch selbst wenn es möglich war, sich ein neues Leben aufzubauen, wurde der Verlust der Heimat als zusätzliches Trauma erlebt.

    Die jüdische Philosophin Hannah Arendt schrieb darüber 1943 in New York: „Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit unseres Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“

  • 09

    Die Maschine

    Die Guides führen uns eine kurze Wegstrecke weiter bis zum Schulgebäude, wo wir in den Keller laufen. Schon auf der Treppe hören wir Sound. Im Keller bleiben wir in einem langen Flur stehen. Auf die Wand am anderen Ende des Flurs wird ein Video projiziert. Wir sehen Aufnahmen von Zeitzeug*innen, die von ihren Erlebnissen zur Zeit des Nationalsozialismus berichten. Außerdem sehen wir Auszüge aus Propagandafilmen und immer wieder: Applaudierende Menschenmengen.

    Image placeholder Die Maschine
    Sound-Videoinstallation
    Ausschnitte aus „Jud Süß“ und „Die Rothschilds“ sowie Zeitzeugeninterviews der Shoa Foundation und Aufnahmen von den Olympischen Sommerspielen 1936
    7:00 min
    2024

    „Ich glaube, dass die Mama und der Papa, dass die ganz glückliche Leute waren mit uns. [...] Wir hatten gute Verhältnisse. Und irgendwie von einem Tag auf den anderen war das umgedreht. Wir sind dann in der Schule angespuckt worden. Wir sind geschlagen, wir sind getreten worden. Wir konnten uns nicht wehren. Wir durften auch nicht, vom Vater aus.“

    Hugo Höllenreiner,
    geb. 15.09.1933, gest. 15.06.2015,
    Überlebender von Auschwitz

    Die Abwertung, Vertreibung und Vernichtung jüdischer Menschen war Mittelpunkt der Ideologie der Nazis. Schon vor seiner Machtergreifung formulierte Adolf Hitler diese Ziele deutlich. Er begründete sie über Verschwörungstheorien, nach denen „die Juden“ sich international organisieren würden, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Verstärkt wurde diese angebliche Bedrohung durch eine rassistische Ideologie, in der vor allem jüdische Menschen, aber auch Angehörige anderer Minderheiten wie Romnja und Sintizze als minderwertig beschrieben wurden.
    „Die Maschine“ führt uns vor Augen, wie schnell eine gesellschaftliche Situation kippen, wie schnell sich Menschenhass normalisieren kann. Wäre so etwas noch einmal möglich? Und falls ja, wer wäre heute davon betroffen?

    Wir danken der Murnau Stiftung für das Zurverfügungstellen von originalem Filmmaterial aus „Jud Süß“ und „Die Rothschilds“.

  • 10

    3 Städte

    Wir verlassen die Schule und bleiben nach ein paar Schritten vor drei Schildern stehen, die seitlich eines der Wohngebäude im Boden verankert sind. Sie zeigen jeweils in großen Lettern die Anfangsbuchstaben der Städte Halle, Kassel und Hanau. Sie verweisen auf die Terrorattentate und Hassverbrechen, die dort stattgefunden haben. Nach und nach drehen die Guides die Schilder herum und lesen die auf der Rückseite stehenden Namen der Opfer vor.

    Image placeholder 3 Städte
    3 Schilder mit Drehmechanismus
    2024

    Die Arbeit „3 Städte“ verweist auf den Zusammenhang von Verschwörungstheorien und Gewalt. Alle drei Täter gingen davon aus, dass im Rahmen einer „Umvolkung“ gezielt Migration nach Deutschland unterstützt würde, um die deutsche Bevölkerung auszutauschen. Diese Verschwörungstheorie hat ihre Anhängerschaft in der rechtsextremen und rechtspopulistischen Szene.

    Die Attentate führen uns in höchster Brutalität vor Augen, welche Folgen Verschwörungs­glauben haben kann. Den Tätern diente er als ein in sich geschlossenes Weltbild, in dem sie Erklärungen für das fanden, wovon sie sich bedroht fühlten. Gleichzeitig sahen sie sich durch die jeweiligen Mythen beauftragt, gegen die vermeintliche Gefahr zu kämpfen. Dass diese Gefahr nicht existiert und sie tatsächlich nichts als Leid und Gewalt verbreiteten, dafür war in ihrer Ideologie kein Platz.

    Halle (2019): Jana L., Kevin S.

    Kassel (2019): Dr. Walter Lübcke

    Hanau (2020): Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov

Impressum

PROJEKTTRÄGER
Freie Künste e.V.
Rheingaustraße 81
65203 Wiesbaden

IN KOOPERATION MIT

JVA Wiesbaden
Holzstraße 29
65197 Wiesbaden

KURATORISCHE LEITUNG
, TEXTE UND REDAKTION
Marie Fromme, Simon Hegenberg

AUSSTELLUNGSBAU durch Betriebe der JVA Wiesbaden

PROJEKTASSISTENZ

Nadine Bauer, Maren Barnikow

TECHNISCHE LEITUNG
David Hoffmann

TONTECHNIK UND SOUND
Niklas Kleber

GESTALTUNG
Basics09

TYPOGRAFISCHE WANDGESTALTUNG
Peer Koch / Auxpeer

FOTOGRAFIEN
Simon Hegenberg

Seit dem Jahr 2025 wird die Weiterführung des Projekts „Down the Rabbit Hole – im Bau der Verschwörungsmythen“ vom Hessischen Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat gefördert.

  • Impressum

In den Jahren 2023 und 2024 wurde das Ausstellungsprojekt gefördert vom Bundesamt für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und vom Hessischen Ministerium der Justiz und für den Rechtsstaat.

  • Impressum
  • Impressum

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMBFSFJ, des BAFzA oder des hessischen Justizministeriums dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autor*innen die Verantwortung.

WEITERE FÖRDERUNG im Jahr 2024

  • Impressum

KOOPERATIONSPARTNER*INNEN in den Jahren 2023 und 2024

  • Impressum
  • Impressum